Der Trend zu Altersbeschränkungen für soziale Medien breitet sich rasch aus, insbesondere in den OECD-Ländern
Im OECD-Raum nimmt die Zahl der Länder, die Altersbeschränkungen für die Nutzung sozialer Medien prüfen, rapide zu. Ende 2023 zog nur ein OECD-Mitgliedsland bzw. Beitrittskandidat die Einführung von Altersbeschränkungen für soziale Medien in Erwägung. Zwei Jahre später war diese Zahl auf zwölf gestiegen, wobei ein Gesetz bereits in Kraft getreten war. Weitere 4 Monate später hatte sich die Zahl auf 25 erhöht – ein Anstieg um mehr als das Fünffache in nur 16 Monaten.
Soziale Medien können Kindern Möglichkeiten zum Austausch und zur Entfaltung ihrer Kreativität bieten, aber auch ernsthafte Risiken bergen. Die problematische Nutzung sozialer Medien, die durch gedankliche Vereinnahmung, Realitätsflucht und Konflikte gekennzeichnet ist, nimmt zu und betrifft insbesondere Mädchen. Die Dynamik der gesetzgeberischen Maßnahmen spiegelt auch die wachsende Erkenntnis wider, dass viele Plattformen nicht mit Blick auf die Sicherheit oder das Wohlergehen von Kindern konzipiert wurden und ihre eigenen Anforderungen an das Mindestalter nicht wirksam durchgesetzt haben.
Die meisten Länder streben ein Mindestalter von 15 oder 16 Jahren für die Nutzung sozialer Medien an
Trotz unterschiedlicher Rechtstraditionen, Regulierungskulturen und politischer Kontexte zeichnet sich eine vergleichsweise geringe Altersspanne ab: In fast allen Vorschlägen und Gesetzen beträgt das Mindestalter 15 oder 16 Jahre. Australien, das als erstes Land die Altersgrenze auf 16 Jahre festgelegt hat, scheint die Debatte maßgeblich geprägt zu haben. Alle bislang verabschiedeten Gesetze schreiben 16 Jahre als Mindestalter für den Zugang zu sozialen Medien vor. Eine kleine Zahl von Staaten zieht niedrigere Altersgrenzen in Betracht, die in der Regel zwischen 13 und 14 Jahren liegen. Dazu gehören Kanada, Österreich, Thailand und, in einigen Fällen, die Vereinigten Staaten, wo verschiedene Vorschläge unterschiedliche Altersgrenzen vorsehen.
Die meisten Gesetze zu Altersbeschränkungen in sozialen Medien werden derzeit noch geprüft
In den meisten der 25 Länder mit gesetzgeberischen Aktivitäten im April 2026 werden entsprechende Gesetze derzeit geprüft. Nur in drei Ländern – Australien, Brasilien und Indonesien – sind die Gesetze bereits in Kraft. In 22 Ländern befinden sich die Gesetze noch im Entwurfs- oder Konsultationsstadium. Dies spiegelt die Realität politischer Entscheidungsprozesse wider. Bis diese Gesetze in das nächste Stadium übergehen, können mehrere Jahre vergehen – sofern es überhaupt dazu kommt. Aufschlussreicher ist jedoch, wie lange es gedauert hat, diesen Punkt zu erreichen. Soziale Medien gehören seit fast zwei Jahrzehnten zum Alltag von Kindern; die politische Reaktion darauf steht in vielerlei Hinsicht noch am Anfang.
In einigen Ländern warten die Gesetzgeber möglicherweise ab, wie sich solche Gesetze in anderen Ländern bewähren, bevor sie sich zur Einführung in ihrem eigenen Rechtsraum entschließen. Zudem ist es noch zu früh, um aussagekräftige Schlussfolgerungen darüber zu ziehen, wie wirksam die geltenden Gesetze tatsächlich sind. Die eigentliche Arbeit hat gerade erst begonnen: praktikable und wirksame Altersbeschränkungen für soziale Medien sowie Systeme zur Altersverifikation konzipieren, die deren Durchsetzung sicherstellen, festlegen, welche Anforderungen Plattformen erfüllen müssen, und bestimmen, wie diese Regeln grenzüberschreitende Anwendung finden können.
Altersbeschränkungen in sozialen Medien sind keine Patentlösung
Die Risiken, denen Kinder im Internet ausgesetzt sind, lassen sich nicht allein durch eine Fokussierung auf den Zugang mindern. Die Gefahren sind zu vielfältig, komplex und zahlreich. Zudem weisen die bestehenden Regelungen und Verfahren zur Altersverifikation erhebliche rechtliche, zuständigkeitsbezogene und praktische Lücken auf. Solche Maßnahmen können aber einen wichtigen Bestandteil eines umfassenderen Schutzrahmens für Kinder bilden, bei dem Sicherheit durch Design berücksichtigt wird und nicht erst nachträglich hinzukommt.
Die Risiken eines überstürzten und unkoordinierten Vorgehens
Das Tempo der gesetzgeberischen Aktivitäten ist in gewisser Weise Ausdruck echter öffentlicher und politischer Besorgnis über das Wohlergehen von Kindern im digitalen Raum. Diese Sorge ist durchaus berechtigt. Untersuchungen der OECD dokumentieren, dass bestehende Altersgrenzen nicht verhindern können, dass Kinder weit unterhalb der festgelegten Altersgrenzen auf Plattformen zugreifen, dass eigene Altersangaben unzuverlässig sind und dass die problematische Nutzung sozialer Medien spezifische Risiken mit sich bringt, insbesondere für Mädchen.
Tempo ohne Koordination birgt jedoch eigene Risiken. Wenn jedes Land eigene Altersbeschränkungen für soziale Medien sowie entsprechende Altersverifikationssysteme, Durchsetzungsmechanismen und Vorgaben zur Einhaltung entwickelt, sehen sich die globalen Plattformen mit einem schwer überschaubaren Flickenteppich an Anforderungen konfrontiert, während Kinder je nach ihrem Wohnort weiterhin uneinheitlichen Schutz genießen.
Die Angleichung des Mindestalters auf 15 oder 16 Jahre ist ein ermutigendes Zeichen internationaler Abstimmung. Entscheidend ist jedoch, dass darauf eine weitergehende Einigung darüber folgt, was diese Altersgrenze in der Praxis tatsächlich bedeutet. Wirksame Altersbeschränkungen für soziale Medien erfordern zudem ein Umdenken darüber, was Schutz über eine bloße Altersgrenze hinaus bedeutet. Die Beschränkung des Zugangs ist dabei nur eines von mehreren Instrumenten. Ebenso wichtig sind die Designmerkmale von Plattformen, die das Nutzungserlebnis junger Menschen prägen, unabhängig davon, ob ihnen der Zugang formell gestattet ist. Letztlich besteht die Herausforderung für die Politikverantwortlichen darin, sicherzustellen, dass Kinder Zugang zu sicheren, nutzbringenden und altersgerechten Online-Erfahrungen haben. Altersverifizierung, Plattformdesign und altersgerechte Dienste sind parallele, keine aufeinanderfolgenden Herausforderungen.
Nicht weniger wichtig ist die Debatte, die derzeit in technischen Fachkreisen geführt wird und den Fokus von der Frage, ob das Alter verifiziert werden muss, hin zu der Frage verlagert, wie dies geschehen kann, ohne neue systemische Risiken für Datenschutz oder Meinungsfreiheit zu schaffen. Wenn Systeme zur Altersverifikation schlecht konzipiert sind, können sie mehr Daten erfassen als nötig, die Anfälligkeit für Sicherheitsverletzungen erhöhen und Nutzer*innen ohne amtliche Ausweisdokumente ausschließen. Dies unterstreicht, wie wichtig eine direkte Zusammenarbeit der für Cybersicherheit und Datenschutz zuständigen Behörden ist, die aufeinander abgestimmte Ansätze zur Altersverifikation fordern, um Minderjährige zu schützen und zugleich die Grundsätze des Datenschutzes zu wahren.
Wie die OECD die Länder bei der Gestaltung ihrer Politik zum Schutz von Kindern in sozialen Medien unterstützt
Die OECD verfolgt diese Entwicklung genau, weil Koordination durch das hohe Tempo des Wandels umso wichtiger wird. Unsere Aufgabe ist es, den Ländern ein dauerhaftes Forum für eine evidenzbasierte Politikgestaltung zu bieten, das mit der Dynamik der regulatorischen Entwicklung Schritt halten kann und gleichzeitig gewährleistet, dass die ergriffenen Maßnahmen kohärent, rechtskonform und wirksam zum Schutz von Kindern sind.
Die nächsten Jahre werden entscheidend sein. Mit dem Inkrafttreten weiterer Gesetze wird auch die Evidenzbasis wachsen. Zugleich werden die Politikentscheidungen der Regierungen das digitale Umfeld von Kindern für Jahrzehnte prägen. Die OECD wird diesen Prozess weiterhin begleiten.